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Wie man in China trainiert – oder was Kung-Fu von Wushu unterscheidet...

Wie Man In China Trainiert
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Nach 6 Tagen Training von 6 Uhr morgen bis etwa 9 Uhr abends kommen Gefühl und Erinnerung häppchenweise zurück. Während ich mich am ersten Tag lediglich noch an einige Fragmente erinnern konnte (auch wenn ich die Bewegungen selbst alle kannte), konnte ich am vierten Tag schon wieder komplett mitlaufen. Nicht dass ich die Bewegungen alle hätte aufzählen können – es war mehr das körperliche Bewegungsgedächtnis, das hier ganze Arbeit leistete.

Während in meinem Kopf noch recht dicker Nebel herrschte, hat der Körper schon wieder zurück gefunden zu jener 'Spur', die er drei Jahre zuvor über Monate hinweg eingeschliffen hatte. Die Laojia Yilu geht immerhin knapp 14 Minuten... Früher habe ich mich manchmal gewundert, wie und wo mein chinesischer Lehrer in Leipzig die Techniken aus seinem Gedächtnis hervor gekramt hat, die er vielleicht zehn Jahre nicht mehr geübt hat... Spätestens jetzt weiß ich Bescheid.

Damit ist natürlich noch lange nicht an dem Punkt erreicht, wo das Ganze auch Gefühl hat. Wenn alles fast von allein abläuft, könnte man das mit einem Zug vergleichen, der exakt in der Schiene läuft – auf den Millimeter genau. Dafür übt man jede Bewegung aber auch einige Hundert oder Tausend mal... Und so habe ich mich dann dabei ertappt, wie ich darüber grübel, wie man die letzte Bewegung denn noch 'runder' ausführen könnte - der Körper währenddessen aber schon zwei Schritte weiter war als der Kopf... Vor meiner Rückkehr nach China bin ich diese Form das letzte Mal irgendwann im Sommer 2011 gelaufen und intensiv täglich geübt habe ich sie wohl vor drei Jahren – an der gleichen Stelle wie jetzt...

Der Sinn des Übens - Kung-Fu ('gong fu') bedeutet nicht 'Kampfkunst' - sondern ausdauerndes geduldiges Tun

Je mehr Formen man lernt, desto mehr Zeit muss man am Ende auch investieren, um sie zu wiederholen und zu 'pflegen'. Das ist ganz ähnlich wie mit den Fremdsprachen und all den anderes tausend Dingen. Letzten Endes sind Formen doch dazu da, dass man die ihnen innewohnenden Bewegungsprinzipien versteht... und irgendwann anwenden lernt. Darüber hinaus bieten sie aber eben auch einen riesigen Fundus an Techniken in geballter Form, die sich auf diese Weise viel leichter erinnern lassen, als wenn man sie einzeln auswendig 'pauken' würde. In der Lernforschung nennt man so etwas 'chunking'. Und das führt soweit, dass man mit einer Bewegung anfängt und das Ganze nach hundert und tausendmal Üben dann eine solche Eigendynamik entwickelt, dass man den Kopf dafür eben theoretisch gar nicht mehr braucht... (Das motorische Zentrum befindet sich natürlich trotzdem im Hirn – und zwar im Kleinhirn, aber das versteht man landläufig ja nicht unter 'Gedächtnis'. Das sitzt ganz wo anders...)

Genau das ist es, was z.B. im Tai-Chiquan als 'Ruhe in Bewegung' oder 'bewegte Meditation' bezeichnet wird: Ähnlich wie der Läufer oder vielleicht sogar ein Spaziergänger beim gleichmäßigen Rhythmus seines Schrittes links-rechts-links-rechts-links-rechts und seines Atems oft auf Gedanken kommt wie sonst nirgendswo, oder einfach viel besser abschalten kann, als bei der letzten PMR-Sitzung im Liegen auf der Weichgummie-Matte, so verhält es sich auch beim Tai-Chi. Der Körper ist in Bewegung – doch der Geist verharrt in Ruhe. Nur muss man bis zu dem Punkt, wo das Ganze von selbst abläuft wesentlich mehr 'gongfu' (zu deutsch 'Kung-Fu') hinein stecken, als das vielleicht beim Laufen lernen der Fall ist...

Auch wenn ich das nicht verallgemeinern möchte, glaube ich, dass in Europa vielerorts nur so lange trainiert wird, bis man die Reihenfolge der Bewegungen einer bestimmten Form erinnern kann. Und das wars dann vielleicht schon... Danach fängt der ganze Spaß doch aber eigentlich erst richtig an. Jede einzelne Bewegung – ob nun groß oder klein – muss solange geübt, trainiert und wiederholt werden, bis sie sitzt. Dabei geht es nicht nur um die körperliche Konditionierung, sondern eben auch um Körpergefühl. In der Neurobiologie oder der Sportmotorik spricht man hier von synaptischer Bahnung. Im Kleinhirn wird ein bestimmtes Bewegungsmuster solange wiederholt, bis aus einer rein chemischen Aktivierung eines bestimmtes Funktionskreises eine physikalisch nachweisbare Verbindung zwischen Motoneuronen entsteht. Und die wird umso dichter, je häufiger geübt wird... So erklärt sich, dass 'der Körper' noch Sachen erinnert, die 'der Kopf' längst vergessen hat. Das gilt sowohl für das körperliche als auch für das ideomotorische Training – aber die Geschichte heben wir uns für ein anderes Mal auf...

Wenn nun also die Bewegung einigermaßen sauber läuft, kommt Schritt drei – sofern wir durch einen guten Lehrer nicht schon teilweise zuvor in den Genuss gekommen sind: Das Verstehen der einzelnen Bewegungen, ihres Sinns bzw. ihrer Anwendung. Was ist eine Abwehr und was ist ein Schlag, wann wird gezogen, wann abgelenkt und wann geschoben, wohin wird geschlagen und in welchem Winkel? Wie verhält sich die Hand (und das muss ja nicht immer eine Faust sein) und der Arm in Bezug auf der Ganzkörpermechanik? Eine Technik erzielt oft nur Wirkung und hat Kraft, wenn sie mit dem ganzen Körper ausgeführt wird...

Bereits für die Ausführung einer bestimmten Bewegung ohne deren Anwendung ist es wichtig, ihren Sinn zu kennen – dann kann man auch das jeweilige Bewegungsprinzip richtig umsetzen... Nicht selten sieht man schon bei der Ausführung einer Form, ob derjenige oder diejenige den dahinter stehenden Sinn verstanden hat oder nicht... So kann man am Ende bestenfalls auch selbst Unstimmigkeiten beheben und sich Unklarheiten selber erklären. Aber auch wenn man einen guten Lehrer hatte – und erst recht, wenn man nicht in den Genuss gekommen ist – muss man wiederholen und wiederholen und nochmals wiederholen. Denn das Verstehen im Kopf und das Verstehen des Körpers sind zweierlei Dinge – und letzteres dauert oft wesentlich länger als das erste.

Wenn der Kopf irgendwann in der Lage ist, das in Worte oder Gedanken zu fassen, was der Körper auch nach Wochen und Monate stetigen Übens nicht explizit ausdrücken kann, dann ist der Punkt erreicht, wo man wahrscheinlich nicht nur das dahinter stehende Bewegungsprinzip einigermaßen verstanden hat und dieses auf andere, evtl. neue Bewegungen übertragen kann, sondern die so lange Zeit geübte Technik auch in ihrer Anwendung ausprobieren sollte... Und auf dieser Ebene beginnt das ganze Spielchen dann noch einmal von vorne...

Der Unterschied von Wushu und Kung-Fu

Und genau das unterscheidet Wushu von Kung-Fu. Beides sind chinesische Begriffe. Beide wärden oftmals einfach synonym verwendet - inzwischen selbst von Chinesen. Während sich Wushu als Kampfkunst – nicht Kampfsport – übersetzen lässt, bedeutet Kung-Fu nichts anderes als 'skill', Fähigkeit, Fertigkeit, Können. Und dieses muss – ganz gleich um welche Kunst es sich nun letztendlich handelt – durch langjähriges Üben und ständiges Wiederholen, Anwenden und Weiterlernen erst erworben werden. Kung-Fu steckt man im chinesischen Sprachgebrauch also in so ziemlich Alles, was einem eine gewisse Mühe, Anstrengung, (innere wie körperliche) Ausdauer und Geduld abverlangt.

Und so gibt es unter chinesischen Wushu-Praktizierenden die 'geflügelte Geschichte' eines Prinzen, der vom Leben am Hofe gelangweilt war, und hinaus zog, um die Kampfkünste zu lernen... Als er merkte, wie anstrengend und langwierig das Training war, verließ ihn alsbald die Lust an der Sache und er machte sich wieder auf dem Weg Richtung Heimat... Beim Abstieg des Berges, auf dem sich seine Schule befand, traf er auf eine alte Frau, die hoch konzentriert eine Eisenstange auf einem Stein rieb. Der Prinz rieb sich die Augen und fragte sie: „Sag, was machst du denn da, Alte? Wo soll das hinführen?“
„Ich schleife eine Nadel“
antwortete die Alte.
„Was? Bist du denn närrisch?“ erwiderte er. „Wie soll das funktionieren“
„Nun – du musst nur lange genug schleifen und dich ein wenig in Geduld üben. Dann wird aus einer Eisenstange schon eine spitze Nadel werden.

Da verstand der Prinz, was die Alte meinte, besann sich und kehrte um.
Beim Wushu ist es wie bei jeder anderen Kunst auch: steter Tropfen höhlt den Stein. Wenn 100 Mal nicht genügen, dann übe eben 1000 Mal – und wenn 1000 Mal noch nicht genug sind, versuch es eben noch 10.000 Mal. Am Ende hast du dein ganzes Leben lang dafür Zeit – und oftmals ist es doch die Geduld, die dich als erstes verlässt...

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