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Yin, Yang und Taiji (quan)

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Taiji - Wechselspiel von Yin und YangLerne ich jetzt Tai Chi oder Taiji - Taichi Chuan oder dann doch Taijiquan? Und warum schreibt das eigentlich jeder anders? Früher oder später wird sich bestimmt jeder, der sich intensiver mit Taiji auseinandersetzt, diese oder eine ähnliche Frage stellen. Wir wollen versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Taiji oder Taijiquan?

Wenn wir im Europa von Taiji sprechen, meinen wir damit meist die inzwischen recht bekannte chinesische Bewegungs- und Kampfkunst Taijiquan (auch wenn der letztere Aspekt zunehmend in den Hintergrund rückt. Besonders außerhalb Chinas). Eigentlich bezieht sich dieser Begriff auf einbedeutsames philosophisches Konzept, welches bis heute die verschiedensten Lebensbereiche chinesischer Kultur durchdringt. Angefangen von der alltäglichen Denk-und Handlungsweise über die chinesische Medizin... und schließlich bis hin zu den Kampfkünsten, wo es einer ganz bestimmten zu ihrem Namen verhalf. Nämlich jener, welche die Grundprinzipien des Taiji aufgreift und auf die Bewegung, auf Angriff und Verteidigung überträgt. Taijiquan.

 

taijiUrsprünglich stammt der Begriff aus dem Daoismus und lässt sich übersetzen als das höchste Prinzip der großen Polaritäten (Yin und Yang) oder als höchstes (Leit-)Prinzip von Mikro- und Makrokosmos. Auch der Polarstern, als Dreh-und Angelpunkt der Himmelsscheibe, wurde im Alt-Chinesischen mit den gleichen Schriftzeichen als Taiji bezeichnet. Er stand gewissermaßen 'über allen Dingen'.

 

Tàijí (太極/太极) als übergeordnetes (Leit-)Prinzip dieser komplementären Polaritäten taucht das erste Mal im Buch der Wandlungen (yì jīng, 易經) auf, dessen früheste Kapitel bis auf das 11. Jhr. vor Christus zurück gehen. Im Mittelpunkt des Buches stehen aber nicht etwa Yin und Yang an sich, sondern deren ständige Veränderung – und aller anderen Dinge - nach einem geordneten Muster. Und so ist auch im Taijiquan der Übergang von einem zum anderen Extrem, das ständige 'sich im Fluss' befinden, ein ganz zentraler Aspekt.

Taiji oder einfach 'Ying-Yang'?

Die wohl allen bekannte Yin-Yang-Monade, welche oft symbolisch für das Wechselspiel der beiden Extreme verwendet wird, lässt zwar den Übergang von Einem zum Anderen erkennen – nicht aber deren ständigen Fluss, wie er im Yijing beschrieben wird.Diesen Fluss versucht die folgende Abbildung (aus einem der noch erhaltenen historischen Bauten in Chenjiagou) zu verdeutlichen. Man erzeuge mit viel Geduld und Spucke eine Kaffee-Schlagsahne-Yin-Yang Monade an der Oberfläche einer Kaffeetasse. Doch erst der schwungvolle Einsatz des Löffels lässt uns erkennen, was das Yijing als auch die Abbildung in Chenjiagou auszudrücken versuchen...

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Die kleinste nicht-teilbare Einheit bleiben aber nach wie vor Yin und Yang. Die ursprüngliche Bedeutung der Schriftzeichen für Yin und Yang verweist auf die von der Sonne beschienene Seite (Yang) bzw. auf die Schattenseite (Yin) eines Berges und verdeutlicht so paradigmatisch die beiden zentralen Qualitäten, auf denen die dualistischen Betrachtung aller lebensweltlichen Phänomene und deren Einordnung in dieses Schema beruht:

(yīn) - bewölkt/Schatten/Yin » besteht aus dem Radikal fürHügel + jetzt + Wolken.


(yáng) – sonnig/Sonne/Yang » besteht aus dem Radikal füHügel + die aufgehende Sonne + die vom Horizont her ausgehenden Sonnenstrahlen.

Yin

Yang

Schatten(seite)

Sonnen(seite)

Dunkel

Hell

Kalt

Heiß

Weiblich

Männlich

Weich

Hart

Langsam

Schnell

Fließend, Geschmeidig

Explosiv, Blitzartig

Unten

Oben

Innen

Außen

...

...

Der Wechsel von Tag und Nacht, die Folge der Jahreszeiten, ein Menschenleben von Kindesbeinen bis zum Greis – alles spiegelt die zentrale Idee des Taiji wieder. Oder umgekehrt – das Konzept 'Taiji' versucht die seit Anbeginn existierenden Naturgesetzmäßigkeiten in abstrahierter Form wieder zu geben und bietet uns dadurch einen Orientierungsrahmen für viele Situationen des täglichen Lebens.

Nun aber zurück zum Taiji als Bewegungs- und Kampfkunst. Während man z.B. im Karate meist sehr deutlich zwischen den einzelnen Bewegungen unterscheiden kann (Block, Faustschlag, Tritt....), weil diese bereits in ihrer Ausführung meist getrennt statt finden, wird es dem Außensehenden wesentlich schwerer fallen, die einzelnen Bewegungselemente des Taiji zu unterscheiden. Im Chen Taijiquan lassen sich zumindest Schläge und Tritte noch relativ deutlich erkennen – der Rest der Bewegungen (Abwehren, Schieben, Ziehen etc.) geht aber, ähnlich den anderen Taiji-Stilen, fließend ineinander über. Jede Bewegung ist gleichzeitig Voraussetzung und Ausgangsseitig für die folgende.

Nicht selten werden von Taiji-Übenden mit Blick auf das Karate oder verwandte Kampfsportarten Vergleiche mit Robotern gezogen. Dennoch haben Karate, Taekwondo, Kickboxen und andere ihre Vorzüge und Taijiquan, Xingyiquan oder etwa Baguazhang umgekehrt ihre Nachteile... Aber das liegt, bleiben wir beim Taiji als philosophisches Prinzip, in der Natur der Dinge. Taiji kennt kein Gut oder Schlecht, Schwarz ohne Weiß, keinen Vor- ohne Nachteil. Kein Schnell ohne Langsam, kein Hart ohne Weich. Es ist immer beides. Und wenden wir eines der bereits genannten Prinzipien des Taiji (wie im Kleinen, so auch im Großen) auf dieses Kontext an, dann muss Taiji auch nicht zwingend das Nonplusultra aller Kampfkünste darstellen – zumal dieser Aspekt (der Kampfkunst) ohnehin kaum noch trainiert wird. Aber zumindest ist es eine gute Ergänzung zu den eher harten, äußeren Kampfkünsten und in vielen Fällen eine wahre Fundgrube und große Bereicherung, wenn man sich ernsthaft damit auseinander setzt. Ebenso wie der dunkle Teil der Yin-Yang Monade die passende (und notwendige) Ergänzung seines Gegenstückes (dem weißen Yang) liefert und so überhaupt erst zu einer wirklich 'runden Sache' führt. Im doppelten Wortsinne.

Genau diese dualistische Perspektive ist in China (und anderen asiatischen Ländern) kulturell tief verwurzelt. Hierbei wird davon ausgegangen, dass sämtliche Gegenstände oder Dinge auf Erden entweder Yin- oder eine Yang-Qualität besitzen. Vorhanden sind immer beide – nur deren Verhältnis ist jeweils unterschiedlich und bestimmt so die Charakteristik des entsprechenden Gegenstandes...

Später erhielt schließlich eine Kampfkunst, welche das oben genannte Taiji-Prinzip sehr stark berücksichtigte, einen fast gleich klingenden Namen. Taiji quan. Die 'Faust des höchsten Prinzips der Gegensätzlichkeiten'. Der Bestandteil (quán - Faust) gibt Hinweis darauf, dass es sich hierbei um nichts philosophisches handelt. Er ist im Namen vieler chinesischer Kampfkünste enthalten - so z.B. im berühmten Shaolin quan, der Langfaust Chang quan, dem Gottesanbeterinnenboxen Tanglang quan und und und. Ausnahmen bestätigen die Regel. So heißt es zum Beispiel nicht Bagua quan sondern Bagua zhang, da wir hier vorwiegend Techniken mit der geöffneten Handfläche finden. Aber auch Bagua ist ursprünglich ein Konzept der chinesischen Philosophie und Alchemie – und keine Kampfkunst... Ganz schön verwirrend, nicht war?

Bleiben wir aber erst einmal beim Taiji(quan). Hier gibt es kein Vor ohne Zurück - wenn du nach Rechts willst, geh' erst nach Links, willst du deinen Gegner zu Boden bringen, so bringe ihn erst nach oben (und damit aus dem Gleichgewicht). Besiege Härte durch Weichheit, sei rund statt gerade...um nur einige Prinzipien zu nennen. Und Taiji ist flexibel. Gibt es im Flusslauf einen Widerstand, so macht das Wasser dort nicht Halt, sondern sucht sich einen neuen Weg – wird eine Bewegung oder Technik gekontert oder blockiert, wandelt sie sich und wird zu einer ganz anderen. Ohne Stocken, ohne Pause, stetig im Wandel... stetig am Fluss. Das ist Taiji.

Um diese Qualitäten zu entfalten, muss Taiji(quan) jedoch immer und immer wieder geübt werden. Mit ausreichend Motivation und Ausdauer wird aus dem Üben bald ein 'Kultivieren'. Und mit einem guten Lehrer und regelmäßigem Taiji 'Spielen' kommt hoffentlich bald auch das Verstehen. Die Taij-Formen lassen sich vergleichen mit einem festen Gefäß, das man selbst erst einmal füllen und nachempfinden muss. Hat man dessen Form, Inhalt (und Prinzipien) durch tausendfaches Üben schließlich verstanden (und sein Töpferhandwerk gelernt), braucht man dieses Gefäß nicht mehr, sondern kann sich selbst eines nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen (in der Situation eines Angriffes, für die Taiji ursprünglich konzipiert war) 'töpfern'. Dann wird Taiji zur Kampfkunst – und als philosophisches Prinzip vielleicht sogar zum Orientierungsrahmen im Alltag.

Taiji, so können wir zusammenfassend sagen, ist eine inzwischen weitestgehend 'domestizierte' Kampfkunst, die heute von der Mehrzahl der Übenden zur Körperertüchtigung, Körpererfahrung und Koordinationsschulung sowie zur Entspannung praktiziert wird. Früher wurde der Begriff vorwiegend als 'Tai Chi umschrieben', was mit dem alten Umschriftsystem von Wade-Giles zu tun hat. Der gute Herr hat das besonders im Amerika noch immer gebräuchliche System damals eingefügt, um die Aussprache chinesischer Begriffe unter Zuhilfenahme westlicher (englischer) Phonetik für uns handhabbar zu machen. Sowohl in der VR China als auch im Ausland wird inzwischen aber fast ausschließlich die moderne Pinyin-Umschrift verwendet, die eine weitaus adäquatere und genauere Wiedergabe der jeweiligen Aussprache (und Töne) ermöglicht.

Fazit: Taiji hat hat etwas mit chinesischer Philosophie zu tun - was wir üben, heißt eigentlich richtig Taijiquan. Solange die Anderen aber verstehen, um was es einen geht, gelten auch Taiji, Tai-Chi oder einfach Schattenboxen.

 

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